Fish River Canyon

Ich bin auf die Pension Gessert aufmerksam geworden, weil sie über das beste afrikanische Frühstück verfügen soll. Also begebe ich mich mit großen Erwartungen zum Frühstückstisch, mit den Gedanken schon halb auf der Straße Richtung Fish River Canyon. Das Frühstück ist wirklich sehr gut, vor allem weil man an allen Ecken und Enden merkt, wie viel Liebe im Detail steckt. Alles ist frisch zubereitet und schmeckt hervorragend. Beim Ausschecken lasse ich den Gastgeber genau das wissen und er bedankt sich dafür.

Durch die am Vortag erlebte Geschichte bin ich nun doppelt vorsichtig im Straßenverkehr, fahre nochmal am „Tatort“ vorbei und erkenne nun sehr deutlich diese Stelle. Ich möchte mir eigentlich gegen die Stirn hauen, traue mich aber nicht, das Lenkrad loszulassen! Ich fahre Strich 50 und Strich 30 in einer Zone 30, bis ich endlich aus Ketmanshoop „entkommen“ bin, ohne weitere Strafzettel zu erhalten. Erleichtert atme ich auf, als ich auf die B4 Richtung Lüderitz abbiege. Dankbar bemerke ich, dass sich das Landschaftsbild wieder ändert, viel farbiger wird durch die leuchtend blassgelbe Graslandschaft und die hellbraunen Sandsteinerhebungen, die sich am Horizont abzeichnen. Nach der Abbiegung Richtung Fish River bei Seeheim halte ich an und bewundere die Landschaft, sehe ich sie doch als „the things to come“, die Dinge, die (heute) noch von mir liegen.

Panorama von Tafelberg-Landschaft südlich von Seeheim, C12

Und nochmal mit mehr Zoom:

Nahaufnahmepanorama von Hügellandschaft südlich von Seeheim, C12
Nahaufnahmepanorama von Hügellandschaft südlich von Seeheim, C12

Die Gravelroad ist die bisher Schlechteste (zumindest in Teilen) und ich erwische mich bei der Frage, wieso die Straße gerade in Richtung eines der Highlights für ganz Afrika (ist ja schließlich der größte Canyon des Kontinents) so schlecht sein muss. Ich versuche, dem Drang, immer wieder auszusteigen und Fotos zu machen, zu widerstehen, da ich ja noch mindestens 4-5 Stunden am Canyon verbringen will. Mein ehemaliger Gastgeber meinte zwar, dass man nur 1,5 Stunden von Ketmanshoop brauchen würde, ich wollte aber lieber auf Nummer sicher gehen. Ich komme dann auch nach gut 2,5 Stunden an, da ich einiges ausprobiere, wie man Gravelroads richtig fährt. Ich merke irgendwann, dass sich kein Muster finden lässt und dass ich einfach 60-80 km/h fahre, je nach aktuellem Zustand.

Die Begrüßung aus dem LKW im Canon Roud House ist sehr herzlich, man könnte sogar behaupten, dass die nette junge Dame und ich etwas geflirtet haben. Sie fragt mich nämlich ziemlich unvermittelt, wieso junge, deutsche Männer denn immer alleine reisen würden. Ich frage verblüfft zurück, ob sie weitere alleinreisende Deutsche getroffen hätte, was sie bejahte. „Gerade gestern erst“, fügte sie hinzu. Wir kommen daher etwas ins Plaudern, ich erwähne beiläufig, dass ich in Deutschland ein Single-Leben fröhne und niemanden gefunden hätte, der eine so lange Reise mit mir hätten machen können. Ich erfahre Erschreckendes, denn das sie noch nie beim Canyon war, obwohl sie schon seit 4 Wochen hier arbeiten würde. Ich habe den unheimlich großen Drang, sie zu fragen, ob sie mit mir dorthin fahren wolle, überwinde mich auch, sie zu fragen. Sie muss allerdings bis zum Abend arbeiten und könne sich nicht frei machen. Schade, schade, das wäre eine weitere klassische Win-Win-Situation gewesen 😀 ! So trennen sich dann unsere Wege, sie muss arbeiten, ich darf meine Sachen in mein Zimmer bringen und mich anschließend ins Auto setzen, um Richtung Canyon aufzubrechen. Vorher kaufe ich mir allerdings bei der äußerst netten Dame noch einen Touri-Hut, wenigstens eine Kopfbedeckung halt. Wir lächeln uns zum Abschied nochmal an und ich bedauere erneut, dass es leider nicht geklappt hat.

Ich schüttele den Gedanken an die nette Dame ab, denn die Gravelroad schüttelt mich ordentlich durch und ich muss mich ordentlich konzentrieren, auf der Straße zu bleiben. Nach ca. 30 Minuten erreiche ich den Hauptaussichtspunkt und bin hin und weg von dem Anblick, vielleicht noch leicht gefühlsduselig durch das nette Erlebnis im Road House. Wirklich ergriffen von diesem wahnsinnig tollen Anblick, fang ich an, Fotos zu machen.

Fish River Canyon vom Hauptaussichtspunkt

Als Panorama:

Panorama des Fish River Canyons vom Hauptaussichtspunkt aus

Ich fahre danach alle weiteren Viewpoints ab. Hier ist der Blick von einem Punkt kurz vor dem Hiker’s Viewpoint:

Großes Panorama vom nördlichen Ausläufer des Fish River Canyons

Hier sieht man meinen neuen, tollen Hut:

Ich am Hiker's Viewpoint vor dem Fish River Canyon

Für alle, die sich fragen, wie ich das Bild völlig alleine am Aussichtspunkt machen konnte: Ich hatte mir von einem Freund ein Oktupus-Stativ ausgeliehen und hier zeigte sich der Riesenvorteil eines derartig flexiblen Stativs. Ich habe es einfach um eine der eisernen Stangen des Sonnenschirms gewickelt, die den perfekten Winkel von dort oben bot. Obwohl ich Zweifel an der Stabilität hatte, funktioniert es wunderbar. Ein wahrhaftes Nerd-Bild 😀 !

Auf dem weiteren Weg um den Canyon bieten sich mir immer wieder andere Blickwinkel auf denselbigen. Einfach nur wunderschön.

Panorama des Fish River Canyons von einem Viewpoint südlich des Hauptaussichtspunktes

Ich mache immer wieder Fotos aus allen Perspektiven (die ich Euch hier mal ersparen möchte, bei Interesse schaut in die Foto-Galerie!), fahre dann weiter zum südlichen Teil und der Canyon ändert sein Gesicht etwas.

Panorama vom südlichsten Teil des Fish River Canyons

Ich finde einen Vorsprung, zu dem man anscheinend runterklettern und betreten kann. In der Hoffnung auf einen weiteren tollen Ausblick auf diesen Teil des Canyon, klettere ich hinab und werde nicht enttäuscht.

Panorama vom Übergang zum Felsvorsprung im südlichen Teil des Fish River Canyons

Um diese im Bild sichtbaren Steinblöcke führt ein kleiner Weg herum und öffnet einen weiteren fantastischen Blick auf den Canyon.

Großes Panorama vom Felsvorsprung aus auf den südlichen Teil des Fish River Canyons

Als ich dann hinab blicke, erkenne ich Menschen auf dem Flussufer. Ich lasse meinen Zoom ausfahren. Na, erkennt sich jemand wieder :) ?

Nahaufnahme von Wanderern im Fish River Canyon
Nahaufnahme von Wanderern und deren Fußspuren im Fish River Canyon

Beim letzten Ausblick des Tages lerne ich ein älteres Ehepaar aus der Schweiz kennen, mit denen ich mich auf Anhieb gut verstehe. Wir genießen gemeinsam den Ausblick und in diesem Moment verstehe ich auch etwas die Nachteile des Alleinreisens. Ich hätte diesen Moment auch gerne mit einem geliebten Menschen geteilt… ! Nun ja, die Verliebtheit der beiden nach so langen Ehejahren beeindruckt mich tief und freue mich für die beiden, die sich trotz eines Skiunfalls und einer bleibenden Verletzung nicht unterkriegen lassen und ihre Afrikaliebe dennoch ausleben, auch wenn sie auf die ein oder andere Sache verzichten müssen. Leider stellt sich heraus, dass die beiden in einer anderen Lodge untergekommen sind. Ich hätte gerne den Abend mit Erzählungen über andere afrikanischen Länder, die sie schon bereist haben, ausklingen lassen. Kurz nachdem wir den Park verlassen haben, biegen sie zur Canyon Lodge ab, während ich geradeaus zum Road House fahre. „Lebt wohl und genießt Euren Trip!“, denke ich ihnen hinterher. Ich bin mir sicher, die beiden denken etwas ähnliches in meine Richtung :) !

Als ich im Road House ankomme, macht die Sonne sich gerade dazu bereit, hinter dem Hausberg zu verschwinden und ich merke, dass meine Lust zu fotographieren noch nicht erloschen ist. So erklimme ich eine kleine Anhöhe hinter dem Zeltplatz der Anlage, bewaffnet mit meinem digitalen Auge. Mir gelingen ein paar hübsche Aufnahmen der im Abendrot glühenden Hügel jenseits der Straße zum Canyon.

Naufnahme der Hügel am Cañon Roadhouse bei Sonnenuntergang

Vorsicht, Verwechlungsgefahr. Das ist NICHT der Uluru in Australien 😀 !

Berg in der Nähe vom Cañon Roadhouse bei Sonnenuntergang
Abendrotstimmung am Cañon Roadhouse nach Sonnenuntergang

Danach begebe ich mich frisch gewaschen und neu eingekleidet zum Abendessen und genieße das beste Straußenfleisch, was ich bisher gegessen habe. Einfach nur ein Traum. Gut gelaunt und frisch gestärkt setze ich mich dann an die einladende Bar und bestelle mir ein leckeres Hansa Draught. Die beiden jungen Barkeeper und ich kommen immer wieder ins Plaudern, z.B. über Fußball und wie sie die deutsche Mannschaft bewundern (die Meinung konnte ich nur zu gut verstehen!). Leicht stolz erzähle ich, dass ich beim schlechtesten Spiel der deutschen Elf in Warschau war (habe verdrängt, gegen wen wir da gespielt haben und wie das Spiel ausgegangen ist *grummel* ITALY – GERMANY 2:1 *heul*, wer’s nicht glaubt, hier der Beweis). Auch hier höre ich schockiert, dass es die beiden auch noch nicht zum Canyon geschafft haben. Schlagartig wird mir klar, wie priviligiert wir Reisenden sind, und urplötzlich verwandelt sich der Stolz in Scham. Die Erkenntnis trifft mich tief, habe ich bisher doch keine Bilder von der Armut der meisten Schwarzen im Land gesehen. In diesem Falle gilt nicht, dass Bilder mehr sagen als 1000 Worte. Denn die paar Worte haben bei mir völlig ausgereicht, um mich zu schockieren.

Nach einer Weile gesellen sich 5 Menschen meines Alters an die Bar und ich überwinde mich und schnorre einen der Raucher um eine Zigarette. Ich bin eigentlich seit 9 Jahren Nichtraucher, aber in letzter Zeit paffe ich gerne mal wieder ab und an eine zum Bierchen (keine Angst, ich werde nicht rückfällig :) !). Mein Mitraucher erzählt, dass die 5 aus Windhoek stammen und sie gerade heute von der 5-Tagestour durch den Canyon zurück sind. Ich werde hellhörig und lasse mir alles erzählen, wie heiß es ist tagsüber und wie kalt des Nachts, wie anstrengend das Laufen ist, aber wie erfüllend die ganze Leistung nach vollendetem Marsch empfunden wird. Alles in allem breitet sich in mir auch die Lust aus, auch mal diesen Marsch anzugehen. Nach und nach verabschieden sich die Mitglieder der Gruppe, bis nur noch 2 Männer und ich bei weiteren Bierchen fröhlich plauschen, zum Beispiel über die Vielzahl von Sprachen (und die Schwierigkeit, zwischen den Sprachen ad hoc zu wechseln), aber auch ernste Themen wie Rassismus bzw. den menschlichen Umgang zwischen Schwarz und Weiß werden angegangen. Ein toller Tag geht mit einem feucht-fröhlichen Abend zu Ende und ich gehe tief erfüllt und vollkommen glücklich ins Bett. Ich lasse endlich den Arbeitsalltag hinter mir und genieße jede Sekunde meiner Reise.

Alle Bilder zu diesem Post in der Fotogalerie: Tag 4: Fish River Canyon

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