Halifax Island und Lüderitzbucht

Als ich um kurz nach 7 aufwache, denke ich kurz, dass es vielleicht doch keine so gute Idee ist, heute nochmal an der gleichen Bootstour teilzunehmen. Ich quäle mich aber dennoch unter die Dusche und danch ist – wie meistens – die Müdigkeit dann irgendwie weg und das Gehirn fängt langsam an, wieder normal zu arbeiten. Ich erwähnte ja bereits, dass ich nicht so der Morgenmensch bin…! Also auf zum Frühstück, wo sich schon andere Reisende befinden. Ich grüße freundlich in die Runde und bekomme freundliche Erwiderungen. Es folgt ein kurzer Plausch über das, was vor uns liegt. Ich erzähle, dass ich die Tour schon am Vortag gemacht habe und ernte verstaunte, aber auch etwas unverständliche Blicke, bis ich die Situation mit der leeren Kamerabatterie und der verpatzten Sperrgebietplanung aufkläre. Nach dem Frühstück machen wir uns alle gemeinsam auf den Weg zum Hafen, „wir“ sind in diesem Fall ein Päarchen aus Süddeutschland, ein holländischer Vater mit seiner Tochter und ich. Die Tochter ist etwa in meinem Alter und fällt mir erst jetzt auf, was aber eher an meiner noch verschlafenen Verfassung liegen dürfte. Ihr Vater spricht gutes Deutsch, sie dagegen spricht es gar nicht, so komme ich endlich wieder in den Genuß, Englisch sprechen zu können. Wir erreichen den Pier, an dem gestern schon das Segelschiff lag. Heute stehen dort zwei Schiffe, die Sedina (das Segelschiff) und der Katamaran, auf dem ich heute eigentlich mitfahren wollte. Ich frage den Kapitän, ob es okay ist, dass ich doch auf der Sedina mitfahre. Er bemerkt trocken, dass er gestern nicht gut genug darin war, seine Gäste so zu vergraulen, dass sie nicht wiederkommen. Ich deute dies als ein „Ja“ und steige zusammen mit Fleur und ihrem Vater und den beiden anderen Deutschen auf das Segelboot.

Wir legen schon bald ab und es folgt die Routine, die ich schon kenne. Der Kapitän setzt sich zu uns und erzählt erstmal etwas von sich. Dann bittet er um Fragen, die es bisher immer reichlich gab und so auch heute gibt. Es entwickelt sich daraus ein amüsantes Gespräch, der Kapitän ist ein sehr angenehmer, wenn auch etwas eigenwilliger Typ. Das Schiff biegt wie am Vortag um die Seezunge, doch heute ist es sehr angenehm, kein starker Wind, allerdings geht noch ein recht große Dünung. Kaum sind wir aus der Lüderitzbucht herausgefahren, regt sich etwas im Wasser und der Kapitän ruft, dass wir nach vorne gehen sollen. Urplötzlich sind wir alle wie elektrisiert und ich merke, dass hier gerade etwas passiert, was gestern nicht passiert ist. Wir schauen gebannt auf das Wasser vor dem Bug und ich erkenne die Umrisse.

Benguela-Delphine neben der Sedina, Lüderitz

Die Delphine reiten völlig vergnügt in der Bugwelle der Sedina.

Benguela-Delphine reiten in der Bugwelle der Sedina, Lüderitz
Benguela-Delphine reiten in der Bugwelle der Sedina, Lüderitz

Wir schauen alle gespannt dem Spektakel zu und amüsieren uns über den Spaß, den die Delphine in unserer Bugwelle haben. Immer wieder kommen sie in unser Blickfeld, auf den Bugwellen reitend und sichtlich Spaß dabei. Wir haben Spaß dabei, sie dabei zu beobachten. Dabei bemerken wir kaum, dass wir schon fast am Ziel unserer Reise sind. Als wir uns dem Ufer von Halifax Island nähern, verlieren die Delphine die Lust an unserer durch die gedrosselte Geschwingkeit kleiner gewordenen Bugwelle. Die Fahrt hatte also jetzt schon ein Highlight mehr als die gestrige und ich bin wirklich glücklich. Wie schön, dass sich Pech und Glück im Leben die Waage halten, man muss nur immer das Beste aus beidem machen, dann wird man doppelt belohnt. Da glaube ich ganz fest dran und dieser Tag bestätigt mich darin. Wir sehen also wieder die Pinguine und ich habe endlich die Möglichkeit, sie aus nächster Nähe zu fotographieren.

Pinguine auf Halifax Island, Lüderitz

Genauso wie gestern fahren wir wieder die Küstenlinie von Halifax Island ab, um die komplette Kolonie auf dieser Seite der Insel sehen zu können. Auch heute fahren wir wieder an den verlassenen Häusern vorbei. Ich sehe, wie ein Pinguin im Hauseingang steht und mache Fleur darauf aufmerksam.

Papa und Mama Pinguin vor ihrem Haus auf Halifax Island, Lüderitz

Wir beiden schmunzeln und malen uns aus, dass er sich für den Herr des Hauses hält und von seiner Liebsten abgeholt wird. Tatsächlich watschelt „er“ die Treppe hinunter und nähert sich „ihr“. Gemeinsam watscheln sie runter Richtung Strand.

Papa und Mama Pinguin vor ihrem Haus auf Halifax Island, Lüderitz

Fleur meint: „Vielleicht wollen die beiden shoppen gehen!“ und wir beiden lachen herzhaft, ist die Vorstellung doch so schön abstrus und liegt genau auf meiner Humorschiene! Wir scherzen noch etwas weiter, als wir den nächsten Pinguin vor dem nächsten Haus sehen.

Einsamer Pinguin vor Haus auf Halifax Island, Lüderitz

Dieser feine Herr im Frack bleibt aber tapfer vor seinem Haus stehen, was mich zu der Vermutung veranlasst, dass es sich bei ihm um den Türsteher dieses feinen Etablissements handelt, dem geradezu ins Gesicht geschrieben steht: „Du kommst hier net rein!“. Allerdings schlägt mein Versuch etwas fehl, Fleur diesen „Insider-Witz“ zu erklären, was sie aber mit einem Lächeln und einem freundschaftlichen Klaps auf meine Hand kaschiert. Das Boot schwenkt zurück zum Ausgangsstrand, gönnt uns noch einen letzten Blick auf Halifax und dreht dann bei, um wieder Richtung Lüderitz zu fahren.

Kaum 200 m gefahren, gesellen sich wieder die Delphine zu uns und beginnen zu unser aller Freunde wieder mit dem Bugwellenreiten.

Benguela-Delphine reiten in der Bugwelle der Sedina, Lüderitz

Dann plötzlich schreit der Kapitän etwas unverständlich seinem Bootsmann zu und ich dachte, ich hätte sowas wie „Wal“ gehört. Er wiederholt seinen Schrei, da auch sein Bootsmann ihn nicht verstanden hat und dieses Mal ist es klarer. Er sagt, er sei sich sicher, dass er am Horizont einen Wal hat springen sehen und wir alle können unser Glück kaum fassen. Hoffend und bangend halten wir Ausschau, ob der Kapitän sich nicht geirrt hat. Nach 10 Minuten Fahrt in die Richtung, wo er den Wal hat springen sehen, sehen wir, dass er recht hat.

Wal in der Lüderitzbucht

Ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit, der Ehrfurcht und des Respekts macht sich in mir breit. Ich liebe diese Tiere einfach, und ist immer wieder ein Riesenglück, wenn man diesen riesigen, aber sanften Lebewesen begegnen darf.

Südkapper taucht ab in der Lüderitzbucht

Der Wal taucht ab und der Kapitän hat schon so eine Ahnung, was mit diesem Tier los ist. Ich spüre meine Anspannung, will ich doch auf jeden Fall ein schönes Foto von dem Wal machen. Ich hoffe inständig, dass ich den Sucher der Kamera heute gut unter Kontrolle habe.

Der Wal taucht auf…

Südkapper taucht auf in der Lüderitzbucht

und zeigt uns seinen Rücken,…

Rückenflosse eines Südkappers in der Lüderitzbucht

bevor er tief abtaucht, leider ohne uns seine Fluke deutlich zu zeigen.

Südkapper taucht mit krummen Rücken ab, Lüderitzbucht
Fluke eines Südkappers in der Lüderitzbucht

Der Kapitän äußert seinen schon bei der vorherigen Auftauchen des Wals gewonnenen Eindruck, dass wir deutlich mehr Lust auf den Wal haben, als der Wal Lust auf uns hat. Er meint, er könne den ganzen Tag hinter diesem Südkapper herfahren, wir würden aber nicht näher ran kommen. Zwar kann diese Walart ziemlich lange tauchen, allerdings sind sie langsame Schwimmer und wurden daher früher bis an den Rand des Ausrottung bejagt. Es hieß wohl früher über einen „Southern right“ (so der englische Name), er wäre „the right whale to hunt“. Immer wenn ich Wale sehe, frage ich mich, wie Menschen solche atemberaubende und erhabene Tiere jagen und töten können. Ich schüttel den Gedanken aber ab, da ich heute nur das Positive sehen und genießen möchte. Ich frage Fleur, ob sie den Wal gut mit ihrer Kamera eingefangen hat, was sie leider (für mich zum Glück) verneint. Ich biete ihr an, so ganz ohne Hintergedanken *pfeiff* *rotwerd*, dass ich ihr meine Bilder schicken könnte, wenn sie mir ihre E-Mail-Adresse geben würde und lächele sie an. Sie lächelt zurück und so fahren nach dieser tollen Begegnung in den Hafen ein. Auf dem Pier stehe ich zusammen mit dem deutschen Päarchen, die sich mit ein paar anderen Leute unterhalten, die sie irgendwann unterwegs kennengelernt hatten. Fleur tritt auf mich zu und übergibt mir ein Stück Pappe, auf der ich ihren Namen und ihre E-Mail-Adresse entdecke. Sie sagt, sie müsse nun aber leider aufbrechen, was mich etwas traurig macht. Sie sagt, sie hätten einen engen Zeitplan, sind insgesamt „nur“ 14 Tage im Land und müssten heute noch Richtung Soussusvlei fahren. Leider ist mir auch klar, dass wir uns nicht mehr wiedersehen würden, deshalb freue ich mich darüber, dass sie so geistesgegenwärtig gewesen ist, mir ihre Adresse da zu lassen. Ich verspreche mich zu melden, was ich auch fest vorhabe (was ich auch getan habe :) !).

Ich kann es kaum fassen, dass sich mein Fauxpax von gestern noch so ins Positive verwandeln konnte. Manchmal ist es einfach unfassbar, wie sich die Dinge entwickeln, aber anstatt es zu hinterfragen, genieße ich einfach die Erinnerung an diese wunderschöne Bootsfahrt. In dem berauschenden Gefühl, dass der Tag nicht noch besser werden kann, entscheide ich mich dazu, heute nichts mehr zu unternehmen, sondern mich nur noch um ein Audiokabel und mein leibliches Wohl zu kümmern. Nach drei Läden finde ich auch endlich einen Elektronikhandel, der mir das richtige Kabel verkaufen kann, sodass ich endlich mein iPad an das Autoradio anschließen kann. Ich bin so glücklich, dass ich dem Verkäufer anstatt der 30 Nam$ 50 gebe und mich in mein Auto setze. Ich schließe das Kabel an und aus den Lautsprechern des Autoradios erklingt ein sehr geiler Weezer-Song, laut und klar. Ich mache den Motor an und singe laut mit und werde ganz schön blöd von den vorbeiziehenden Passanten angeschaut. Heute kann mir das aber gar nichts anhaben, ich habe heute schließlich einen Wal gesehen und ein sehr nettes Mädel kennegelernt!

Am Nachmittag sitze ich in einem Cafe und schwelge immer noch in den Erinnerungen. Am Nachbarstisch sitzt ein englisches Ehepaar und wir kommen ins Gespräch. Wir unterhalten uns über unsere bereits zurückgelegten Strecken und die Sachen, die noch vor uns liegen. Die beiden machen mir ein sehr nettes Kompliment über meine Englischkenntnisse, ich bedanke mich artig. Als sich langsam der Abend bemerkbar macht, gehe ich zurück zur Waterkant. Dort treffe ich auf das deutsche Päarchen, mit denen ich dann zu Abend esse gehe, wieder im Hotel Sperrgebiet. Danach spiele ich gespannter denn je die Fotos von meiner Kamera auf das iPad, um den Wal nochmal zu sehen und bin sehr erleichtert, dass die Bilder ziemlich gut geworden sind.

Alle Bilder zu diesem Post in der Fotogalerie: Tag 8: Halifax Island

1 Comment Add Yours

  1. Tanja

    Lieber Helge, ganz liebe Grüße aus der Vergangenheit :-) Wie lang ist es her, dass wir „zusammen“ gearbeitet haben?
    Soeben war eine liebste Kollegin hier und hat mich gefragt, ob ich diesen Blog kennen würde. Ich kann ihn leider nicht. Du hast tolle Berichte und unheimlich schöne Fotos. Da werde ich mal in Ruhe stöbern :-) Auch ich blogge privat und genieße das unterwegs sein und reisen (wenn auch meistens nicht so weit wie Du)…
    Vielleicht kommt ja noch etwas zur neuen (und meiner alten) Heimat Hamburg?
    Beste Grüße,
    Tanja

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