Liverpool vs. Everton

Eine Vorfreude verbreitende Videoleinwand

Mario und ich machen uns auf den Weg zum Frühstück und dabei sollte sich das Hotel noch mehr als ein absoluter Oberhit erweisen, denn in den 25 Pfund pro Tag ist nicht nur ein recht schönes Zimmer und die zentrale Lage inklusive, sondern auch noch ein ordentliches englisches Frühstücksbüffet. Ich persönlich liebe ja dieses englische Frühstück, kenne nichts besseres bei einer solchen Männerfahrt, bei dem ja das ein oder andere Bierchen getrunken wird. Jörn und Bernd gesellen sich dann auch zu uns und wir reden mit vollen Mündern über den Ablauf des Tages. Wir wollen uns erstmal ein bisschen Liverpool ansehen, ein Besuch im Liverpool-Fandladen ist obligatorisch. Frisch gestärkt laufen wir also los in Richtung Fußgängerzone. Kaum aus dem Hotel heraus, stehen wir vor der imposanten „St George’s Hall“, in der sich Konzert- und Gerichtssäale befinden und was ich erstmal fotografieren muss.

St George's Hall

Auch das Gebäude, was direkt neben dem Bahnhof steht, sieht sehr fotogen aus. Dabei handelt es sich um die „North Western Hall“, einem ehemaligen Bahnhofshotel, das nach langem Leerstand zu einem Studentenwohnheim umgewandelt worden ist. Ich kenne schlechtere und schlichtere Studentenwohnheime…

North Western Hall

Wir schlendern durch die Fußgängerzone Liverpools, die eine schöne Abwechslung aus alten Fassaden und Neubauten darstellt.

Fußgängerzone von Liverpool

In einem sehr modernen Komplex befindet sich der offizielle Liverpool FC-Fanladen, direkt nebem Fanladen von Everton.

Offizieller Fanladen von Liverpool FC

Da ich noch nie in der Anfield Road war, besitze ich noch keinerlei Fanutensilien. Der Laden ist nicht besonders voll, wir sind also wohl sehr früh dran. Ich finde eine schöne Mütze und den obligatorischen Schal, was ja im trüben Januarwetter auf der Insel mehr als nur Fanartikel sind, sie halten auch schön warm. Ich verlasse in übergestreiften Fanfarben den Laden, allerdings sind die anderen etwas enttäuscht von den im Laden angebotenen Artikeln. Einkaufen ist ja bekanntlich anstrengend, sodass am Ende der Einkaufpassage die Idee im Raume steht, schon das erste Pub zu besuchen. Ich lese allerdings auf einem Straßenschild, dass die Docks nicht sehr weit entfernt sind und ich frage Jörn, ob sich es lohnt, den Hafen zu besichtigen. Der Grundgedanke dahinter ist der, dass Liverpool auch für seinen Hafen bekannt ist und wenn eine Stadt schon mal am Wasser liegt, bin ich der Meinung, dass man sich das man anschauen sollte. Alle sind damit einverstanden und wir machen uns auf den Weg. Nach kurzem Fußweg erreichen wir die ersten Hafenbecken,…

Erste Hafenbecken im Hafen von Liverpool

und das alte, umfortierte Pumpwerk, in dem jetzt das Pub „The Pumphouse“ ist.

Das alte, umfunktionierte Pumpwerk

Ich rufe den Jungs zu, dass ich gerne von ihnen ein Bild machen möchte. Nach kurzem Aufstellen klappt das auch.

Jörn, Bernd und Mario (v.l.) im Hafen von Liverpool

Der Hafen von Liverpool ist seit 2004 unter UNESCO-Weltkulturerbe und galt bei Errichtung als der modersten Hafen seiner Zeit. Der Albert Dockl ließ es zu, dass Schiffe direkt aus den Warenhäuser be- und entladen werden konnten. Als wir am Merseyside Maritime Museum vorbeigehen, bietet sich ein erster, schöner Anblick auf das Hafenbecken des Albert Dock.

Blick auf das Hafenbecken am Albert Dock

Unter den Arkaden haben sich mittlerweile eine Reihe schöner Cafes und Pubs angesiedelt, wir entschließen uns aber nur für ein paar Fotos.

Panorama des Albert Docks
Ich, Mario, Jörn und Bernd (v.l.) vorm Albert Dock

Auch das Beatles-Museum befindet sich im Alber Dock.

Das Beatles Museum am Albert Dock

Auf dem Weg zurück ins Zentrum liegt in einem Hafenbecken ein seltsames Wassergefährt.

Das Yellow Submarine im Hafen Liverpools

Wir kehren dann in einem Pun ein, denn bei allen wächst nun die Lust auf ein Bierchen und auch ein erstes Hungergefühl macht sich bei allen breit. Wir bleiben drei Stunden in dem Pub, trinken, reden und lachen. Gegen 15:45 machen wir uns auf den Weg zurück ins Hotel, da wir gegen 16:30 am Stadion sein wollen. Wir nehmen vom Hotel aus ein Taxi zur Anfield Road und als wir rausklettern, erblicke ich zum ersten Mal dieses altehrwürdige Stadion.

Das Anfield Stadion

Dieser Ort verströmt so viel Tradition, dass es mich fast erschaudert. Auch die Straßenzüge rund ums Stadion zeigen die traditionelle, platzsparende Bauweise der Häuser in englischen Städten.

Typisch englische Bauweise um das Stadion herum

Ich fühle mich an Bilder aus meinen Englischbüchern während meiner Schulzeit erinnert.

Straßenzug vorm Stadion mit typisch englischer Bauweise

Dann betreten wir die Anfield Road, die Straße, nachdem das Stadion benannt ist.

Die Anfield Road entlang des Stadions

Die Eingänge in englische Stadien sind immer wieder ein Highlight.

Eingang zum Stadion an der Anfield Road

Ein Pflichtpunkt bei jedem Besuch an der Anfield Road ist die Gedenkstätte an die Opfer der Hillsborough-Katastrophe, bei dem 96 Anhänger des Clubs in Sheffield zu Tode kamen. Auch wir halten inne und Gedenken der Toten, „You are always on our minds“.

Das Mahnmal an der Anfield Road an die Toten von Hillsborough

Das Tor mit dem bekannten Schriftzug „You’ll never walk alone“ ist ein beliebtes Fotomotiv.

Ich vor dem Eingang
Gruppenbild an der Anfield Road (v.l.: Jörn, ich, Mario, Bernd)

Den Rundgang ums Stadion schließt ein Straßenzug ab, der zur Zeit heftig umstritten ist. Einige Hausbesitzer dieser Straße weigern sich seit Jahren, die mehr als großzügigen Angebote vom Liverpool FC anzunehmen, die wiederum die Häuser abreißen und das Stadiongelände ausbauen wollen. Anscheinend hat der Bürgermeister von Liverpool nun aber angedroht, die Hausbesitzer enteignen zu wollen und somit leer ausgehen ausgehen zu lassen, falls sie sich weiterhin weigern.

Umstrittener Häuserzug, dem Zwangsräumung droht

Am Ende dieser Straße erhebt sich dann majestätisch die legendäre „The Kop“, die Heimat der Heimfans und eine der lautesten Fankurven auf der Insel.

Fandladen an der legendären »The Kop«
Schriftzug »The Kop« an der legendären »The Kop«

Nach diesen ersten Eindrücken führt uns Jörn in das Pub, in dem der Liverpool FC gegründet worden ist. Da wir ziemlich früh dran sind, bekommen wir sogar einen Tisch und können uns hinsetzen. Bis zum Spiel ist ja noch genug Zeit und die verbringen wir wie das Fußballfans nun mal so machen: Biertrinken und Fachsimpeln. Das Pub füllt sich dann mit atemberaubender Geschwindigkeit und unsere Vorfreude ist auf dem Höhepunkt, bis jemand das Signal zum Aufbruch gibt. Viele Fans strömen nun Richtung Stadion und wir tun es ihnen gleich. Wir haben beim Kartenkauf leider nicht alle 4 auf The Kop bekommen, umso höher rechne ich es Bernd und Jörn an, die auf The Kop für Mario und mich verzichten. Vor dem Stadion trennen sich also nun unsere Wege, Mario und ich gehen Richtung The Kop und Jörn und Bernd Richtung Cementary Stand. Als Mario und ich nach einiger Sucherei in den falschen Eingang gehen und auch noch einen Ordner fragen müssen,  finden wir den Aufgang zu unseren Plätzen.

Blick von unseren Plätzen auf »The Kop«

Unsere Sitze sind ziemlich weit oben, sodass ich mich entschließe, nochmal kurz runterzugehen, um das ganze Stadion ohne das lange Dach von The Kop zu fotografieren.

Panorama vom Blick von »The Kop«

Ich schleppe mich wieder die Stufen hoch und oben angekommen, sauge ich dann die Stimmung in mich auf. Das Stadion ist schon rappelvoll und die Lautstärke unter dem Dach ist absolut beeindruckend. Und als dann noch „You’ll never walk alone“ angesungen wird, bin ich vollends in der Stimmung gefangen. Jetzt kann das Spiel beginnen…

Vom Anpfiff weg ist Stimmung grandios und als Henderson nach nur 2 Minuten schon einen Schuss aufs Tor wagt und Evertons Torhüter Howard zu einer ersten Parade zwingt, hat die Stimmung auch die Spieler bereits erreicht und das Derby ist in vollem Gange. Nach diesem tollen Auftakt passiert aber bis zur 17. Minute nicht mehr viel, als Sturridge plötzlich mit einem Traumpass sterling einsetzt, der aber freistehend vor Howard vergibt. Drei Minuten später schlägt Suarez eine Ecke von links auf die vordere Ecke des 5-Meterraums. Genau da gehört eine gute Ecke hin und das hat sich auch Urgestein Steven Gerrard gedacht, der mit einem tollen Kopfball zum 1:0 für Liverpool trifft. Das Stadion bebt und so eine Lautstärke habe ich vermutlich noch nie wahrgenommen. Alle liegen sich in den Armen, Mario und ich tun es den anderen Fans gleich und bejubeln das Führungstor. Zu allen Überfluss verletzt sich noch Everton-Stürmer Lukaku so, dass er ausgewchselt werden muss.

Die Stimmung wird durch das Tor noch höher gedreht als es ohnehin schon bei Anpfiff war und als Sturridge in der 26. Minute knapp über Tor schießt, ist die Stimmung auf dem vorläufigen Höhepunkt. Denn nun zeigt Everton, wieso das diesjährige Derby eines der spielerisch besten sein kann, denn der Tabellenfünfte legt nun seiner los und drängt auf den Ausgleich. Mirallas zieht von der rechten Seite in die Mitte, spaziert durch Liverpools Strafraum, rutscht allerdings aus, aber ermöglicht Jagielka einen Schuss aus 13 Metern, den Mignolet jedoch halten kann. Barry vergibt den Nachschuss. Aber mitten in die Druckphase Everton ergibt sich ein Konter über rechts und über Coutinho, der den sprintenden Sturridge auf der linken Seite findet, der eiskalt in der 32. Minute zum 2:0 abschließt. Das ganze Stadion erhebt sich wie ein Mann und jubelt.

Nur zwei Minuten später steht Evertons Abwehr recht hoch, während sich der Ball in der Verteidigung Liverpools befindet. Kolo Toure sieht die Abseitsfalle und sieht auch die Bewegung von Sturridge, der resultierende Pass ist genau im richtigen Augenblick gespielt, sodass Howard nur ein Rauslaufen aus dem Tor übrig bleibt. Sturrridge sieht das und mit dem Rücken zum Tor schließt er umgehend ab. Howard hat keine Chance mehr darauf zu reagieren und der Ball fliegt mit einem hohem Bogen in Tor, 3:0 schon in der 35. Minute. Überflüssig zu erwähnen, dass die Stimmung nun auf dem Höhepunkt ist. Wieder einmal bebt der Boden unter mir und alle liegen sich fast ungläubig in den Armen. Everton muss man allerdings hoch anrechen, dass sie trotz des 0:3 weiter versuchen, Druck zu machen und haben noch vor der Halbzeitpause eine größere Druckphase, in der sie allerdings verpassen, ein Tor zu erzielen. Dann ertönt der Halbzeitpfiff und das Stadion erhebt sich zu einer Standing Ovation.

Die zweite Halbzeit fängt mit einer guten Chance für Everton an: Osman bekommt den Ball, zieht in die Mitte und zieht mit rechts ab, Mignolet pariert allerdings sicher. Everton bleibt in Ballbesitz, passt hinten herum, aber Jagielka verliert den Ball an der Mittellinie an Juarez, der nun freie Bahn zum Tor, allerdings auch noch 35 Meter vor sich hat. Seine Schnelligkeit und seine Technik sind aber so gut, dass er trotz Ball am Fuß nciht von den Evertons Verteidigern gestellt werden kann, Howard umspielt und dann sicher zum, 4:0 abschließt. Das war’s dann endgültig für Everton und das ganze Stadion lässt es die Gäste auch spüren. Der frenetische Jubel durchzieht unser aller Mark, für das Spiel und die restlichen 40 Minuten ist dieses Ergebnis und dieser Verlauf nicht zuträglich. Und als auch noch Howard einen Elfmeter verursacht, konnte ich mich des Gedankens „Die armen Jungs von Everton“ nicht erwehren. Sturridge verschießt allerdings, sodass es beim 4:0 bleibt.

Der Rest ist dann schnell erzählt, Sturridge verweigert Juarez noch ein weiteres Tor, da er egoistisch in einem 2 gegen 1-Konter den Ball nicht zu Juarez rüberlegt, sondern sein drittes Tor zu machen versucht. Endstand also 4:0, so wie mein letztes Bild in Anfield beweist.

Endergebnis des Merseyside-Derbys 2014

Den Abend lassen wir dann genüsslich in den Pubs ausklingen und wir feiern den Sieg von Liverpool. Obwohl es morgen nicht allzu früh Richtung London geht, machen wir nicht die Nacht nicht zum Tage, ist ja mit der Sperrstunde der englischen Pubs auch nicht so leicht.

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