Tottenham vs. Manchester City

Wir finden uns wieder gemütlich um 9 Uhr zum Frühstück am Büffet ein und müssen heute Abschied nehmen von Liverpool. Per Zug fahren wir gegen 11 Uhr nach London. Auch hier macht die Lage des Hotels nochmals bezahlt, denn der kurze Weg zum Bahnhof ist einfach nicht zu übertreffen. Man merkt an allen Ecken und Enden, dass dieser Trip am Rande der Perfektion geplant ist. Wir besteigen pünktlich den Zug, für den uns Jörn natürlich Sitzplätze reserviert hatte. Als wir unsere Plätze beziehen wollen, müssen wir wie in der Deutschen Bahn erstmal Leute von unseren Plätzen vertreiben. Die zweistündige Zugfahrt vergeht wie im Fluge, denn es ist noch so viel nachzuarbeiten vom Merseyside Derby und die Vorbereitungen auf das Tottenham-Spiel laufen ebenfalls. Als wir in London Euston ankommen, beziehen wir das direkt nebenan liegende Ibis-Hotel, was ich auch schon von meiner ersten London-Fußballreise 2013 kenne. Das Hotel ist top und wohl im Sommer erst modernisiert worden, es sieht wirklich stark verändert und sehr modern aus. Nach dem Einchecken heißt es Zimmer beziehen und frisch machen, denn danach wollen wir was essen und traditionell vor Tottenham-Spielen in das White Hart-Pub gehen.

Während des Essen merke ich aber, dass es mir irgendwie nicht 100 % gut geht und die anderen merken das auch. Mein Kopf ist etwas warm und ich merke, dass meine Atemwege irgendwie nicht ganz frei sind. Auf Anraten meiner Mitreisenden kehre ich ins Hotel zurück, um mich ein wenig hinzulegen und mit einer Paracetamol etwas gegen das fiebrige Gefühl zu unternehmen. Ich schmeiße also eine Pille ein und lege mich etwas hin, aber nicht ohne mein Handy und mein iPad mit einem Wecker zu versehen und die Lautstärke komplett hochzudrehen, damit ich – falls ich einschlafen sollte – den Wecker höre oder keinen Anruf verpasse. Nach ca. 1,5 Stunden ruhen, meldet sich mein Handy und Jörn teilt mir per SMS mit, dass die vier – mittelerweile war Stefan, ein Freund von Jörn, dazu gestoßen – sich jetzt auf den Weg Richtung Stadion machen. Ich merke, dass es mir zumindest etwas besser geht und schreibe zurück, dass ich jetzt dann auch losfahre. Ich frage noch kurz, wie ich nochmal zur White Hart Lane komme (beim ersten Mal sind mir mit dem Zug von einem anderen Bahnhof aus gefahren) und Jörn meint, entweder per Zug oder per U-Bahn zur Station Seven Sisters und von dort mit dem Bus. So sind Jörn und ich damals zurückgefahren und daher kannte ich die Strecke noch.

In der Euston-Station sehe ich keinen Zug, der irgendwie nach Tottenham fährt, entschließe mich also mit der U-Bahn zu fahren. Als ich ans Bahngleis trete, sehe ich auch schon andere Tottenham-Fans, ich bin also nicht alleine und das gibt mir immer etwas Beruhigung. Nach einer längeren Tube-Fahrt erreiche ich die Seven Sisters und besteige alsbald auch den richtigen Bus. Der Bus hat zwar meistens eine eigene Spur, aber direkt an der Tube-Station natürlich nicht und gerade hier ist massig Verkehr, sodass die Fahrt nur langsam vorangeht. Nach quälend langen 20 Minuten erreichen wir endlich die White Hart Lane und der Bus hält direkt vor dem Stadion. Jörn hat mir in der Zwischenzeit mitgeteilt, in welchem Pub wir uns treffen und ich finde sowohl das Pub als auch die Jungs recht problemlos. Ich begrüße zunächst Stefan und dann den Rest, während wir noch Burger essen.

Auch an der White Hart Lane steht der obligatorische Besuch des Fanladens vorher an und ich kaufe mir noch einen Schal (hatte meinen natürlich vergessen!) und eine Mütze. Auch hier werden die Fanartikel direkt angezogen, denn man muss ja Flagge zeigen. Ich merke, wie die Vorfreude auf die tollen Lieder und Sprechchöre der Tottenhams-Fans in mir wächst, vor allem, weil ich weiß, dass wir wieder diese grandiosen Plätze in der zweiten Reihe direkt am Spielfeld rechts neben dem Tor haben. Es ist schon fast soweit, daher gehen wir rein und gönnen uns in den Katakomben noch ein Bier und die Jungs geben Wetten ab. Das gehört ja in England zum guten Ton, so eine Wette auf die Spielminute des ersten Tores oder den ersten Torschützen. Als das Bier leer ist, gehen wir Richtung Platz. Der Anblick des Stadions löst bei mir immer Gänsehaut aus.

Blick auf die White Hart Lane

Als die Spieler den Rasen betreten und das Spiel beginnt, sieht man erstmal wieder, wie nah man dran ist.

Die Spieler von Manchester City

Manchester beginnt sehr stark und es ist abzusehen, dass ManCity die spielerisch bessere Mannschaft. Sie steht ja auch nicht umsonst soweit oben, denn nach dem Chelsea nur unentschieden gespielt hat, könnte ManCitry heute mit einem Sieg tabellenführer werden. Und genau so beginnen sie das Spiel, die Spurs stehen unter gewaltigem Druck. Fast zwangsläufig fällt dann auch in der 15. Minute das 0:1 durch Aguero nach einem sehr starken Pässen aus der Abwehr auf Silva und der legt den Ball in den freien Raum. Aguero braucht nur noch an Lloris vorbeizuschlenzen und es steht 0:1. Die Spurs brauchen dann 15 Minuten, um sich von diesem Schock zu erholen, denn auch nach dem Führungstreffer ist ManCity gefährlicher und Aguero hat noch eine große Chance per Kopf. Dann aber werden die Spurs stärker und ein Ballverlust von ManCity in der Vorwärtsbewegung führt zu einem Konter über Rose, der direkt vor unserer Nase zu Fall kommt.

Freistoß am 16-Meterraum von ManCity

Wir schreiben die 36. Minute und Erikson steht bereit, um den Freistoß vor ManCity-Tor zu bringen. Die Flanke ist grandios und Dawson kann den Ball über die Linie drücken, wird jedoch wegen Abseits zurückgepfiffen. Unser großer Jubel und meine Freude über das erste hautnahe Tor bleiben uns sprichwörtlich in der Kehle stecken. Leider war dies wohl eine Fehlentscheidung, aber die Energie, die durch diese Momente im Publikum freigesetzt werden, habe ich nirgendwo intensiver gespürt als hier in der Lane. Sofort sind die Zuschauer wieder da und feuern ihr Team an und ich mache lauthals mit. Immer wieder schallt das „Come on, You Spurs!“ durch das weite Rund. Aber bis auf einen Fernschuss von Dembele, der jedoch etliche Meter am Tor vorbei geht, passiert vor der Halbzeitpause nicht mehr viel. Nur die verletzungsbedingte Auswechslung von Aguero kurz vor Abpfiff ist noch zu erwähnen.

Die Spurs kommen eigentlich ganz gut aus der Pause und haben die erste Halbchance. Allerdings nur 3 Minuten nach Wiederanpfiff grätscht Rose in einer gefährliche Situation gegen Dzeko im Strafraum, trifft eindeutig den Ball, aber der Schiedsrichter pfeifft etwas verspätet Strafstoß und schickt Rose noch zu allem Überfluss vom Platz. Das ist die zweite Fehlentscheidung des Abends und eine sehr fatale noch dazu. Nicht nur, dass jetzt noch ein Elfmeter auf die Spurs wartet, nein, sie müssen gegen ein eh schon spielstärkeres Team in Unterzahl spielen. Mir schwant böses…

Den fälligen Elfmeter verwandelt Yaya Toure sicher zum 0:2 und damit die Spurs schon doppelt bestraft. Und der fehlende Mann sollte sich alsbald bermerkbar machen, als nur 2 Minuten Unordnung in der Verteidigung der Spurs herrscht. Ein ManCity-Angriff über die rechte Seite, und zwar über Navas und Zabaleta, der wiederum Silva im Strafraum findet. Silva schießt noch gegen den Pfosten, aber Dzeko schnappt sich den Abpraller und verwandelt zum 0:3. Damit ist das Spiel wohl gelaufen, aber die Spurs bemühen sich doch nochmal. Sie wollen zu Hause nicht wieder 0:6 untergehen wie im Hinspiel. Nach einem etwas lahm vorgetragenen Angriff hole die Spurs einen Eckball heraus, der von Erikssen getretene Eckball fällt Capoue vor die Füße, der die Gunst der Stunde ausnutzt und zum 1:3 verwandelt. Und als die Spurs nach großem Druck auf die Verteidiger von ManCity den Ball direkt in Höhe der Mittelinie zurückerobern, ist das Publikum wieder da und es wird laut. So liebe ich die White Hart Lane!

Leider ist Manchester City aber nicht irgendein Fußballteam, sondern der bei diesem Spielstand neue Tabellenführer der englischen Premier League. Und so verpufft dann der Angriffsdrang der Spurs nach einigen Minuten wieder, da ManCity einfach in allen Belangen zu stark für Tottenham ist. So kommt es dann auch in der 78. Minute zum Unausweichlichen: Wieder einmal nach einem schnellen, guten Pass aus der Abwehr von Kompany zu Dzeko, der zu Fernandinho ablegt und der wiederum nach einem Zug in die Mitto Jovetic auf dem halblinken Flügel findet. Jovetic zieht nach innen und zieht gegen drei Gegner ins lange Eck ab und es steht 1:4. Das 1:5 von Kompany in der 89. Minute besiegelt dann die Heimschmach.

Ich fande es nicht besonders gut, dass nach dem 1:4 schon so viele Fans vorzeitig das Stadion verlassen haben. Dennoch fand ich die Stimmung überraschend gut für ein so klares Ergebnis, aber meine Stimmung ist doch merklich eingetrübt. Nach dem Spiel finden wir uns wieder in einem Pub ein und haben erneut Glück, dass wir einen freien Tisch finden und uns noch ein paar Bierchen genehmigen. Als sich Stefan dann verabschiedet, weil er morgen sehr früh zurückfliegt, denken wir auch über die Heimfahrt nach, da Tottenham ja schon etwas weiter draußen liegt. Wir entscheiden uns, meinen Hinweg zurück zu nehmen, also über die Seven Sisters und dann nach Euston.

Als wir wieder im Hotel sind, lädt uns die Hotelbar mit ihrem gemütlichen Sesseln gerade dazu ein, hier einzukehren. Gesagt, getan, und schon stehen wieder 4 frische Carlings auf unserem Tisch. Die drei Leute am Tisch, die das Glück haben, ein Handy zu haben, was nicht mit Windows mobile betreiben wird, können dann nach Herzenslust miteinander Quizduell spielen, wobei der Vierte, namentlich ich, der Dumme ist und nur in sein Glas schauen kann. Nach ein paar Runden ist es den Herren aber auch zu doof und so spielen wir ein anderes lustiges Spiel: „Die schlechtesten Nationalspieler aller Zeiten“. Jeder muss reihum einen Namen eines Nationalspielers in die Runde werfen, den er für einen der schlechtesten Spieler hält, der es dennoch in die Nationalmannschaft geschafft hat. Namen wie Ronald Maul, Kevin Kuranyi, Olaf Marschall lassen unsere Fußballherzen höher schlagen, denn wir brauchen solche Spieler hoffentlich nie wieder in unserer Nationalmannschaft. Oder wir genießen zumindest den derzeitigen Qualitätsüberfluss in unserem Team. Nach diesem lustigen Spiel ziehen wir uns dann in die Zimmer zurück und der letzte ganze Tag der Reise neigt sich dem Ende zu.

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